Haben die Seligpreisungen Bedeutung in Unserem Modernen Leben?

Eine mögliche Interpretation der biblischen Seligpreisungen in der modernen Welt

Kontinuität der westlichen Kultur – weiterhin Wegweisung anbietend?

(von Helmut Schwab)

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Die westliche Kultur wurde besonders von zwei Strömungen des Denkens und der Werte beeinflusst – christliche Ethik und, zunehmend, intellektuelle Klarheit – die letztere von den griechischen Denkern der Antike über die Scholastik und die Aufklärung in unsere modern-„wissenschaftliche“ Welt hineinreichend, einschließlich zur Naturinterpretation nach Darwins Lehre – der nicht eine lenkende christliche Liebe postulierte, sondern dass lediglich „der Fähigste“ sich jeweils durchsetzt (genau übersetzt, „der am besten Angepasste“).

Die Überbetonung von einer philosophischen Richtung hat oft zu einer starken Reaktion der jeweils entgegengesetzten Philosophie geführt.  In unserer Zeit, in der die Wissenschaft betont wird, sehen wir vielerorts ein Wiedererstarken des religiösen Fundamentalismus.  

Das Wiedererwachen eines altgefassten, theologischen Dogmatismus passt oft nicht gut zu den Bedürfnissen, dem Denken und der Ausdrucksweise der modernen Welt und kann sogar sich selbst schädlich werden.  Wir weisen gerne darauf hin, dass der muslimische Fundamentalismus der muslimischen Welt mehr Schaden als das Gute gebracht hat, das er ursprünglich einmal bringen wollte.  Dasselbe muss allerdings auch über den christlichen Fundamentalismus im Verlauf der Geschichte, vielleicht auch heute, gesagt werden. 

Was lehren wir denn unseren Kindern?  Welchen Lebensweg gehen wir selber?  Wir wollen schon, dass unsere Kinder ihrem Leben eine tragfähige wirtschaftliche Grundlage geben – und brauchen selber eine solche – indem sie fähig sind, sich durchzusetzen.  Aber selbstverständlich ziehen wir in unserer menschlichen Kultur (die weitgehend auf Kooperation beruht) Frieden vor, schätzen Zuverlässigkeit und bewundern karitative Großzügigkeit.

Passen die alten christlichen Lehren noch in die moderne Welt – oder sollten sie lediglich neu interpretiert oder nur neu formuliert werden?

Ein Kern der christlichen Lehre sind die sogenannten Seligpreisungen, die der erste Teil der „Bergpredigt“ sind, einer Sammlung anfangs wörtlich übertragener und jeweils in Abwandlungen erinnerter Sprüche, die Jesus zugeschrieben wurden.  Diese wurden ungefähr 50 Jahre nach Jesu Kreuzigung von Matthäus in ihre nun meist-zitierte, schriftliche Form gebracht (siehe dort Kapitel 5).  Die Seligpreisungen wurden aber auch in einer anderen Auswahl von Lukas erwähnt (siehe dort Kapitel 6, Vers 20 und danach), obwohl Matthäus und er wohl von derselben älteren Quelle der Überlieferung (nur „Q“ genannt) ausgingen.  Lukas erwähnt nur 4 Seligpreisungen, während Matthäus von 8 derselben berichtet.

Waren diese Sprüche wirklich die Worte Jesu, besonders auch diejenigen, die nur von Matthäus erwähnt werden?  Können die Gedanken der Seligpreisungen nicht auch bereits in früheren Worten und Gedanken biblischer Schriften und bei den Essenern gefunden werden?  Das mag für den Schriftforscher bedeutend sein.  Papst Benedikt XVI, in seinem Buch “Jesus”, stellt vor allem den Zusammenhang zwischen den Seligpreisungen und anderen biblischen Schriften, theologischem Denken und der Kirche dar.  Für die meisten von uns jedoch bedeuten diese Sprüche das früheste christliche Denken, die höchste Form aller ethischen Konzepte, die sich durch die Geschichte der Menschheit auf Jesus zu entwickelten – beginnend mit dem von Natur-geformten ethischen Verhalten bereits bei geselligen Tieren bis zu Urukaginas ersten ethischen Gesetzen vor 4,500 Jahren und von dort weiter durch die Entwicklung menschlicher Kulturen.  Schließlich, von dem jungen und inspirierten Jesus formuliert, verlangten diese Seligpreisungen in ihrer eigenen Zeit eine ethisch gehobenere Einstellung zur Gesellschaft und den Mitmenschen.  Die Seligpreisungen bieten anspruchsvollere Regeln für das Denken und Verhalten und versprechen damit eine bessere Welt für uns alle – auch noch in unserer Zeit!

 

Vier der Seligpreisungen in Matthäus (die 1., 2., 4. und 8.), wie auch die von Lukas berichteten, beziehen sich auf gegebene Situationen im Leben mancher Menschen, dadurch unser Mitempfinden verlangend, gar unser Mitleid.  Damit stellen sie aber auch menschliche Qualitäten dar, die im vollen Gegensatz zu den bestehenden Leitbildern von Helden und Kaisern der Zeit Christi stehen – und bestimmt auch zu denen unserer kapitalistischen Zeit.

Selig sind:

·         Die geistig Armen

·         Die Leidenden

·         Die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit

·         Die ungerecht Verfolgten

Die Helden in Jesu Zeit waren zu oft nur die mächtigen Kaiser oder Krieger, die Mächtigen auf der Weltbühne, auf dem Schlachtfeld oder in der Arena.  Jesus stößt diese Wertskala komplett um, indem er eine „menschlichere“ Kultur postuliert – oder, wie wir heutzutage sagen würden, eine Welt größerer menschlicher Fürsorge – einer Welt, die zu unseren „sozialen Werten“ und einer idealistischen Struktur der Gesellschaft führen kann.

 

Die anderen vier Seligpreisungen (die 3., 5., 6. und 7.), nur bei Matthäus aufgeführt, sind anders – sich nicht auf etwas beziehend, das vielleicht dem einen oder anderen von uns passiert ist und mit dem wir dann fertig werden müssen, sondern sich darauf beziehend, was wir pro-aktiv tun sollten – auf unser Verhalten.

Selig sind:

·         Die Sanftmütigen (modern: die in sich Bescheidenen)

·         Die Barmherzigen (modern: die bereitwillig Helfenden)

·         Die reinen Herzens sind (modern: deren Geist sauber ist)

·         Die Friedfertigen (modern: die Frieden schaffen)

Wie können diese alten Worte und Ideale in unserer modernen, Erfolg-orientierten Zeit verstanden werden?  Wie können sie uns leiten?

 

Selig sind die Sanftmütigen – die in sich Bescheidenen:

Der Widerspruch zum Gegenteiligen erhellt den Text:

Bewahre dich vor Hybris, dem Hochmut!  Ungut sind die Arroganten!

Hüte dich vor zu großer Selbstsicherheit – in der Öffentlichkeit, bei der Arbeit, in der Familie

Werde nicht überheblich – rede mit Bescheidenheit

Höre auf die Zurückhaltenden – mit Respekt

Jeder Manager weiß, dass manchmal gerade der oder die Zurückhaltende im Team vielleicht die beste Idee haben könnte.  Größere Harmonie im Team – vielleicht sogar Friede auf Erden – kommt von Respekt für die Bescheidenen und Schwachen unter uns.

 

Selig sind die Barmherzigen – die bereitwillig Helfenden:

Unsere westliche, fortgeschrittene Welt versucht, sich mit sozialen Programmen auszuzeichnen.

Mehr noch wird von den an Besitz Reichen unter uns erwartet, ihren besonderen Beitrag zur Verminderung des Leidens oder zum Gemeinwohl zu erbringen – mit Spenden, Stiftungen und andere Arten der karitativen Hilfe.

Welchen Anteil unseres Reichtums sollten wir beitragen?

Der historische Maßstab ist 10 Prozent – des Einkommens, nicht des Besitzes – unabhängig von der Höhe unseres Einkommens – nicht in einer progressiven Rate.  Selbst der Talmud ist weitgehend stumm in dieser Frage, nur einmal eine Rate von 10 bis 20 Prozent vom Einkommen angebend, sich nicht auf Abgaben vom Besitz beziehend.  Größere Abgaben, so heißt es, könnten die Sicherheit der eigenen Familie gefährden.

Die Steuergesetze der meisten westlichen Länder sind jedoch progressiv – einen höheren Steuersatz von höheren Einkommen verlangend.  Die Steuergesetze einiger Länder verlangen sogar Steuern auf das Vermögen, den Besitz.

Keine Religion oder Philosophie kommt zum Schluss, ein fortlaufend gnädiges Teilen des eigenen Besitzes mit jedem Armen zu verlangen, dem man auf seinem Lebensweg begegnet (und durch das Internet kann man ja der ganze Welt täglich auf „unserem Wege“ begegnen).  Das würde dazu führen, dass letztlich praktisch nichts mehr für uns selbst bleibt.

Als vor vielen Jahren der Gründer von Microsoft, Bill Gates, immer höheren, persönlichen Reichtum erlangte, im Maße wie seine Firma wuchs und gedieh, da wurden die Stimmen in der Öffentlichkeit immer lauter, die ihn herausforderten, doch etwas Gutes mit all seinem Besitz an Geld zu tun.  Er und seine Frau Melinda sind dem dann voll gefolgt!  So auch tat dies der super-reiche Warren Buffett!  Andere Reiche folgten dem jedoch nicht, zum Beispiel argumentierend, dass sie eine zu große Familie hätten, die erst noch versorgt werden müsste.

Das gilt ja auch bei mir, kann ich da ganz einfach denken. 

 

Oft geht es bei der Barmherzigkeit aber nicht nur um das Geben von Geld – sondern es geht auch um das geben von Zeit!

Wie viele unserer Mitmenschen leiden doch so sehr unter Einsamkeit – alte Menschen und junge! 

Wie viele junge Menschen brauchen etwas mehr Förderung – emotional oder rein praktisch beim Lernen.  Wie viele Hilfsorganisationen aller Art können mehr ehrenamtliche Mitarbeiter brauchen.  Da geht es vor allem um Karitatives, aber auch um Tierpflege und besonders auch um Natur- und Umweltschutz – um die den Menschen anvertraute Schöpfung!

Wie viel Zeit soll man denn geben?  Etwa auch 10 % – das hieße etwas 4 Stunden pro Woche?  Oder soll es hier auch eine Progression geben – wer viel Zeit hat soll auch mehr geben – und wer gar keine Zeit hat, da mit Familie und Arbeit schon überlastet, ist entschuldigt oder kann sogar Hilfe an Zeit von Anderen brauchen?

 

Geld oder Zeit geben ist oft eine Belastung, die man freudig auf sich nehmen soll.  In vielen Fällen stellt sich heraus, dass das Geben dann auch ein Geschenk in der umgekehrten Richtung wird – dass man so viel Freude oder Erfüllung empfängt, wie man weiter zu geben beabsichtigte.  So verbessert „Barmherzigkeit“ auf ihre eigene Art diese Welt. 

Barmherzigkeit sollte nicht nur zwischen Individuen, sondern auch zwischen nachbarlichen Gemeinden, Bezirken und Nationen gelten – von der reichen Stadt zur armen Nachbarstadt – wie Westdeutschland versuchte, Ostdeutschland wieder aufzubauen – oder von einem reichen Staat zu einem armen – wie von nationalen Hilfsorganisationen und der internationalen Wirtschaftshilfe schon oft praktiziert.  

So kann Jesu Lehre auch in der modernen Welt weiter fort wirken.

 

Selig sind die reinen Herzens sind – deren Geist sauber ist:

Unsere westliche Kultur wird vor allem wegen der Menge der Gewalt und des Schmutzes kritisiert, die ständig von den Medien propagiert wird und im öffentlichen Leben zu sehen ist (diese sind allerdings auch in anderen Kulturen zu finden, dort aber hinter den verschlossenen Türen der Reichen).

Unser eigenes Alltagsleben füllt unsere Herzen mit dem Verlangen nach Wohlstand, Reichtum und materiellen Genüssen – oder primär nach Erreichen von Rang, Anerkennung, sogar Macht – oder nur nach guter Unterhaltung jedweder Art. 

Nur zu oft findet sich dann nichts Anderes mehr in unseren „Herzen“.

Sollte das wirklich alles in unseren Leben sein – sollte das alles sein für die kurzen Jahre, die wir auf dieser wunderbaren Erde leben dürfen – ihre Wunder wahrzunehmen und die anderen Menschen, die mit uns leben – auch die Wunder und Schönheit der Natur zu sehen?

Ein Mönch wurde einmal gefragt, wie er mit den Versuchungen dieser Welt fertig würde.  „Nicht hinschauen“, war seine Antwort.

Neurologen oder kognitive Psychologen – die Wissenschaftler, die etwas über das Funktionieren unseres Hirns und Geistes aussagen können – würden bestätigen, dass die Gedanken des Geistes in einer Sequenz fortschreiten, die der jeweils stärksten, frischesten, oder am stärksten bewerteten (positiv oder auch negativ), assoziativen Verbindung im Hirn entsprechen. 

Realitäten ergeben sich von unseren Taten.  Bewertung (oder „Werte“) aber werden von unseren „Emotionen“ erbracht.  Wir (die Menschen und fortgeschrittenen Tiere) kennen eine Rangordnung der „Werte“.  Selbstlose Aufopferung für die Jungen (die eigene Brut) oder die Gemeinschaft – auch „öffentlicher Dienst“ bei uns Menschen – und Empathie (oder warme, christliche Liebe, die alt-griechische Agape, nicht der Eros) rangieren alle höher, als Feinschmecker-Genuss.

Kriminelles am Fernsehen zu sehen ruft immer dann wieder eine geistige Assoziation mit Verbrechen hervor, wenn man ähnlichen Umständen im eigenen Leben begegnet – was bekanntlich zu Kopie-Verbrechen führen kann.

Exzessive Geldgier in der Finanzwelt wurde der vorherrschende Leitwert für Menschen, die in dieser Umwelt arbeiteten – bis dieses nun endlich als „schlecht“ gebrandmarkt wurde.

Die uns umgebende Kultur formt uns.

Unser Freundeskreis bildet eine Mikrokultur, in der wir leben – unsere eigene Welt der Ideen und Werte in unserem Geist stützend.  Wir werden dann von dem geformt, was wir einmal als unsere Mikrokultur gewählt haben.

Überleg Dir also, wie Du Dein Leben zu sein wünschst, wo Du Bedeutung in Deinem Leben sehen möchtest, worauf Du zurückblicken möchtest, wenn sich Deine letzte Stunde nähert.  Was hättest Du gerne getan, wofür würdest Du gerne erinnert werden?

Um auf dem Weg der „Werte“ im Leben irgendwie voran zu kommen, musst Du vor allem Dein „Herz rein“, also Deinen Geist fokussiert halten – um die Gedanken auf dem Weg zu halten, den Du verfolgen möchtest.

Das bedeutet, dass Du nicht geistigen Vorzug, nicht einmal Aufmerksamkeit dem lautesten und jeweils letzten Eindruck geben kannst.  „Schau nicht hin“, wie der Mönch sagte.

Halte das Ungewünschte fern von Deinem Geist.

Bilde einen Freundeskreis oder schließe Dich einer Gruppe (Gemeinde) an, die Dich in Deinen Werten bestärkt. 

Fülle Deinen Geist mit dem, was Deinen „Werten“ entspricht! 

Behalte ein reines Herz!

 

Selig sind die Friedfertigen – die Frieden schaffen:

Die meisten von uns entscheiden nicht über Krieg oder Frieden in dieser Welt.  Aber wir beeinflussen Konflikte und Disharmonie – oder auch Frieden und Kooperation – in unserer eigenen Umwelt.

Wenn wir einmal länger mit anderen Menschen zusammen waren und schließlich wieder nachhause gehen, dann ist es nur zu oft eine Gewohnheit, kritisch über die zu reden, mit denen wir gerade erst zusammen waren – im schlechtesten Fall sie „zu zerreißen“.

Wenn wir über die Ideen anderer reden, finden wir leider nur zu oft Schwächen in ihren Argumenten.  Wir sehen lieber gar kein Resultat, statt die Ideen der Anderen anzunehmen.

Positionsgerangel im Büro ist nur zu oft die Brutstelle von Konflikten.  So geht es auch mit der Politik im Lande.  Internationale Rivalität bringt Weltkonflikte. 

Konflikte entstehen besonders zwischen Individuen, die im Leben eng nebeneinander sitzen oder zwischen Nachbarn auf der Weltbühne – oft auch zwischen denen, die sich geistig anders sehen und Vorrang gewinnen wollen.

Indem  man sich ganz einfach einmal in die Position der Anderen versetzt, als ob man nur einmal in deren Schuhen gehen würde, beginnt man zu „verstehen“.  Verständnis kann zum Dialog führen und vom Dialog kann vielleicht einmal ein Kompromiss oder sogar eine Lösung kommen.

Die Friedensstifter sind es, die die wohltätigen Kräfte in unserer Gesellschaft sind – die allgemeingültige Lösungen für Probleme finden, konstruktive Wege in eine bessere Zukunft – zu einer besseren Welt für alle – mit weniger Leid und besseren Chancen in Fairness für alle.

 

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So bleiben die Seligpreisungen, einst von Jesus formuliert, nicht nur als seine historische Botschaft, auch als ein Geschenk, sondern auch als eine Herausforderung an uns, vielleicht auch als Wegweiser.

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Jesus von Nazareth – eine Vision – vielleicht auch einige Erklärungen

 

 

 

 

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