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1. Einleitung:
1.1. Das
dynamische Sichergänzen von Wissenschaft und Theologie:
Der bis auf Leben und
Tod gehende Kampf zwischen Wissenschaft und Theologie liegt hinter uns,
zumindest in der westlichen Welt. Ein
Galileo würde heutzutage nicht mehr bedroht.
Die Verfolgungen der Gläubigen in den atheistischen, totalitären
Systemen der letzten Vergangenheit scheint auch überwunden. So bleibt nur der anachronistische
Rückzugskampf einiger fanatischer Muslim gegen die Ungläubigen, der eher
Ausdruck anderer Probleme ist. Zwischen
christlicher Theologie und Wissenschaft aber entstand aus den früheren Kämpfen
um Vormacht nun ein Sichergänzen.
Keppler und Galileo verursachten
die erste Herausforderung der Wissenschaft an die christliche Theologie. In den folgenden Jahrhunderten entstand eine
zunehmend merkantile, technische und wissenschaftlich informierte Gesellschaft,
die zu einer schleichenden Herausforderung für die Theologie und die Kirchen
wurde. Die Dominikaner und Jesuiten
versuchten, die sich bildende Kluft zu überbrücken. Dann begann 1859 mit Wallaces und Darwins
Lehre von der natürlichen Evolution eine ganze Reihe neuer, grundsätzlicher und
ernstere Herausforderungen an die Theologie.
Durch die
geologisch-biologische Evolutionslehre erkannte man, daß der steigende
Sauerstoffgehalt der Erdatmosphäre vor ungefähr 600 Millionen Jahren zu einem
neuen Energiezyklus der Lebewesen führte.
Statt nur friedlicher Photosynthese, ergab sich nun die Oxydierung von
organischen Substanzen als Energiequelle.
So veranlaßte die sich in der Evolution entfaltende Schöpfung die
jeweils höheren Lebewesen zum Abfressen oder Morden und Verzehr der
niedrigeren, schwächeren oder weniger kampffähigen. Dieses führte zur Mobilität und schließlich
Hirnentwicklung dieser neuen Lebewesen für Beutesuche, Gefahrvermeidung und
Bestehen gegenseitiger Rivalitäten.
Im weiteren Sinne erkannte die Evolutionslehre die Natur in der Pflanzen-
und Tierwelt, also in Gottes früher Schöpfung, als eine Welt einer großartigen
Entfaltung der Schöpfung, aber auch als eine natürliche Welt ohne Mitleid, ohne
Gerechtigkeit und ohne Fairness (von wenigen proto-ethischen Regungen
bei Fürsorge für Nachkommen, bei Reziprozität zwischen Partnern und bei
Aufopferung für die Stammesgruppe abgesehen).
Dieses wurde von der christlichen Theologie nie voll zur Kenntnis
genommen, besonders auch nicht das natürliche Hineinreichen dieser
“Darwinschen” Welt in unser menschliches Sein und unser persönliches
Schicksal.
Dann kamen die
Erkenntnisse der Geophysik bezüglich der dynamischen und wiederholt von
Katastrophen geprägten Bedingung auf Erden, der Psychologie bezüglich der Seele
des Menschen, der Relativitätstheorie bezüglich der Zusammenhänge zwischen
Materie, Energie, Zeit und Raum, der Quantentheorie bezüglich der Ungültigkeit
des Determinismus [1]
und bezüglich gewisser Partikelverbundenheit auf subatomarem Niveau [2],
der Molekularbiologie bezüglich des Ursprungs des Lebens, sowie der
Neurophysiologie und kognitiven Psychologie bezüglich des Bewußtseins, des
Denkens, der Intuition und des Empfindens des Menschen. Und nun kommen neuerdings die Erkenntnisse
der Weltraumforschung bezüglich dessen, was sich in der Tiefe des Universums
und der Zeit abspielt. Zahlreiche
Planeten wurden bereits bei anderen Sternen entdeckt und das SETI-Projekt [3]
(Search for Extraterrestrial Intelligence) sucht nach anderen hoch-entwickelten
Zivilisationen auf derartigen Himmelskörpern.
Die Wissenschaft
konzentriert sich auf das Verständnis der Welt, in der wir leben – aufbauend
auf die immer und überall geltenden Naturgesetze und immer vorhandenen kausalen
Zusammenhänge im Kosmos (einschließlich der nach einer
Wahrscheinlichkeitsverteilung auftretenden Ereignisse). Fragen bleiben aber noch offen nach dem
letztlichen Ursprung der Existenz und, zumindest bei einigen Wissenschaftlern,
nach dem Auftreten sehr komplexer Schritte in der Evolution, die extrem
niedrige Wahrscheinlichkeit des Erscheinens hatten, vor allem wenn man die
Zeitzusammenhänge berücksichtigt.
Wichtiger ist noch, daß die Fragen nach der hervorragenden Rolle des
Menschen in der Schöpfung, bezüglich des Menschen Suchen nach Sinn und Ziel der
Existenz und nach dem Verhältnis des Menschen zu Gott oder Gottes zu den
Menschen von der Wissenschaft unberücksichtigt bleiben. Die Wissenschaft hat diese Fragen nicht
beachtet und mag auch nicht fähig sein, dieses zu tun. In der Wissenschaft bleibt für Gott nur ein
Platz im Augenblick der Urschöpfung, nicht aber in einer weiterwirkenden
Teilnahme an der Welt, in der Beantwortung persönlicher Bitten oder in einem
Jüngsten Gericht oder Jenseits.
Die Theologie konzentriert
sich auf die geglaubte, göttliche Offenbarung bezüglich des Wesens Gottes, der
Moralgesetze für die Menschheit, göttlichen Gerichtes und eines möglichen
ewigen Lebens. Theologie beginnt, die
Evolutionslehre zu akzeptieren, aber glaubt nicht nur, sondern sieht
sogar, wenn sie “wissenschaftlich” denkt, eine Öffnung für Gottes Weiterwirken
und persönliche Präsenz in der Welt (siehe die „Intelligent Design“ Theorie,
vielleicht als „intelligente Gestaltungstheorie“ zu übersetzen [4]). Diese Vorstellung ergibt sich aus der
Tatsache, daß alle wegweisenden Entwicklungen und Schicksalswendungen nicht
zwangsläufig nur so erfolgen müssen, sondern sich aus mancherlei Zufälligkeiten
ergeben, manchmal aus solchen von sublimster Feinheit (siehe
Chaos-Theorie). In wissenschaftlichen
Worten liegt das unter anderem in Heisenbergs Unschärferelation und in dem
spontanen Entstehen von Mustern in komplexen dynamischen Systemen, vielleicht
auch in dem Entstehen gewisser Ideen oder “Eingebungen” im Denken der Menschen,
zumindest der „Ausgewählten“ unter ihnen.
In all diesen sublimen Zusammenhängen wird das Wirken Gottes gesehen, der
sich aber der Natur für sein Handeln bedient.
Im Allgemeinen haben
sich so die Theologen und Wissenschaftler – gemeinsam auf dem Raumschiff Erde
ja zusammen in ein und derselben Welt lebend und letztlich ein und dieselbe
Welt betrachtend – in ihrem Blickwinkel ergänzt oder zumindest miteinander
akkomodiert. Keiner greift den anderen
an. Dabei leben die meisten Menschen in
beiden Welten – im Alltag und Beruf geht es nach wissenschaftlich-technischen
und Darwinschen Gegebenheiten, Sonntags, in der Familie und zwischen Freunden
geht es nach religiös-idealen Vorstellungen. [5]
Und wie soll es weiter
gehen? [6]
Die Wissenschaftler kümmern sich um die naturwissenschaftlichen Fakten, Gesetze,
Prinzipien, Theorien und Fragen des Ursprungs.
Die Theologen beziehen sich auf die göttliche Schöpfungskraft und
Weiterwirkung, die Morallehre, den Glauben und die Lehre von der Erlösung der
sündigen Welt durch Christus und die Gnade eines liebenden Gott-Vaters. Die Morallehre wurde von den Religionslehrern
schon vor Jahrtausenden darauf abgestützt, daß die Moralgesetze von den
jeweiligen Göttern oder von Gott ausgegeben sind, es eine persönliche
Verantwortung des Einzelmenschen gibt und ein göttliches Gericht nach dem Tode
entsprechende Belohnung oder Bestrafung in einem ewigen Leben (zumindest für
die Seelen) bringt.
Der Papst Johannes Paul
II hat sich in der Enzyklika “Fides et Ratio” mit diesem Rückzug der Theologie
auf Moral- und Jenseitslehre auseinandergesetzt und kommt zu dem Schluß: “Der
Ratio beraubt, hat der Glaube das Gefühl und das Empfundene betont und läuft
somit Gefahr, nicht mehr eine universelle Vorstellung zu sein” (Kap. 48). Das Universelle fehlt aber auch der
Wissenschaft.[7] Der lebendige Mensch sieht in der modernen
Welt der Wissenschaft und Technik ein Vakuum des Empfindens, eine Sinnlosigkeit
des menschlichen Seins und in der reinen Rationalität, die dann oft nur nach
Nützlichkeit trachtet, eine Gefährdung von Familie, Nation, Menschheit und
aller “Werte”, die dem Leben Inhalt, Bedeutung und Richtung geben. Können die beiden Welten der
Wissenschaft und des Glaubens wieder
zusammenfinden zu einer ganzen Welt?
[1]
Heisenbergs Unschärferelation
[2]
Pauli Prinzip
[3] Das SETI-Project (Search for
Extraterrestrial Intelligence) ist ein großes Projekt, das von mehreren
Organisationen gestützt wir, unter anderem von der amerikanischen
Weltraumbehörde NASA. Es benutzt besondere Antennenanlagen, um die
interstellare elektromagnetische Strahlung nach möglicherweise „intelligentem“
Gehalt – also von einer intelligenten Quelle herrührend – zu untersuchen.
[4] Die „Intelligent Design“ Theorie
postuliert göttliches Eingreifen bei der Erscheinung komplizierter Phänomene der Existenz, von denen man
annimmt, daß sie sonst nicht entstanden wären.
Diese Theorie beruht auf der Beobachtung, daß einige Lebensformen
erstaunlich kompliziert und intelligent aufgebaut sind und daß ihr Erscheinen
aus der Evolution nicht genügend erklärt werden kann, von Phänomenen in der
Molekularbiologie bis zum Giftzahn der Schlangen, dem menschlichen Gehirn und
der Funktionsweise des menschlichen Geistes.
So wird das Wirken einer „intelligente Gestaltungskraft“, Gott, als
Ursache postuliert.
[5] Eine Sammlung interessanter und mehr ins
Einzelne gehender Kommentare von vielen führenden Wissenschaftlern und einige
Diskussionen von Philosophen – gläubigen und Atheisten – sind im Buch „Cosmos,
Bios, Theos“ wiedergegeben, herausgegeben von Morgenau und Varghese, Open Court
Publishing Company, ISBN 0-8126-9186-5.
[6] Ergänzende Bemerkung: Das Suchen der Menschen nach Erkenntnis läuft
in vier unterschiedlichen Dimensionen ab
– im Religiösen, dem Spirituellen, der Philosophie und den
Naturwissenschaften. Das Spirituelle ist
dabei ein Suchen nach einer geistigen, vom Materiellen unterschiedlichen Realität,
ohne notwendigerweise den religiösen Glauben einzubeziehen, wie etwa in
Meditation oder in der Annahme, daß spirituelle Kräfte, die über Hirnfunktionen
hinausgehen, in der Welt wirken. Somit
ist Spiritualität eine schwächer ausgebildete Form der Religiosität.
Philosophie ist in ihrer besten
Form das geschulte und disziplinierte Denken, das Begriffe analysiert und von
analysierten und akzeptierten Prämissen zu weiterführender Erkenntnis und
Wahrheit führt. Zwischen der geglaubten
Religiosität und der in Realität basierten Naturwissenschaft ist Philosophie
zunehmend marginalisiert worden und hat sich ungewöhnlichen Nischen des Denkens
zugewandt, wo sie diejenigen beunruhigt, die weder in der Religion noch in den
Naturwissenschaft ihren Boden finden. In
letzter Zeit hat der Post-Modernismus in der Philosophie vor allem den
Dekonstruktionismus hervorgebracht, der alles in Frage stellt, nur nicht sich
selbst.
Philosophie war die alte
Protagonistin der Religion, wurde dann durch die Scholastik dem katholischen Denken eingeordnet, bis nun
wieder moderne Wege des Denkens eingegangen wurden. So sucht die katholische Kirche mit der
Enzyklika „Fides et Ratio“ gerade wieder die Unterstützung der Philosophie
zurück zu gewinnen und sieht in den Naturwissenschaften lediglich eine
Anhäufung von Einzelwissen und den Versuch, die Welt technologisch zu
gestalten. Dabei wird übersehen, daß die
Wissenschaft aus der Menge des im Einzelnen Beobachteten von Zeit zu Zeit grundsätzlich
neue Prinzipien und Perspektiven unserer Existenz in dieser Welt ableitet, die
nicht nur der Philosophie als neue Ausgangspunkte spekulativen Denkens dienen
sollten, sondern auch dem traditionell überkommenen religiösen Denken Anlaß zur
Korrektur geben könnten.
Zu diesen neuen Perspektiven der
Wissenschaft gehört vor allem die Darwin’sche Evolutionslehre, nun aber auch das
Wissen von immer wieder in geologischen Zeiten auftretenden, sehr großen
biologischen Auslöschungen, die Erwartung weiteren intelligenten Lebens im
Weltraum und die Erkenntnis von der zeitlichen Vergänglichkeit aller kosmischen
Strukturen, einschließlich der unseres Sonnensystems. Zur Bedeutung dieser Erkenntnisse für das
religiöse Denken wird in diesem Aufsatz Stellung genommen.
[7] Der Papst Johannes Paul II bemerkt in
seiner Enzyklika “Fides et Ratio”: “Dessen beraubt, was Offenbarung bietet, hat
Vernunft Nebenwege eingeschlagen, die sie der Gefahr aussetzt, den Blick auf
ihr endgültiges Ziel zu verlieren” (Kap. 48).