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3. Bemerkungen zum Phänomen der „Religion“
Die obigen Darstellungen
führen zur Frage, wie eigentlich Religionen entstehen und sich im Denken der
Menschen und wohl auch anderer „bewußter“ Wesen halten und ausbauen. Dazu muß man drei wichtige Komponenten
betrachten:
*
Das Suchen des Menschen,
beobachtete Phänomene durch Auffinden von Kausalitäten zu erklären.
*
Die Fähigkeit des menschlichen
Hirnes für mentale Vorstellungen (speziell von solchen Vorstellungen im Rahmen
der Denkvorgänge, die unabhängig von sensorischen Eindrücken im Hirn erscheinen
– die im Laufe des Denkens oder des Träumens entwickelt, verändert und ausgebaut
werden können). Diese Vorstellungen können im
Geist wie in einer virtuellen Realität gedanklich verarbeitet und
weiterentwickelt werden. [1]
*
Die Tendenz der meisten
Menschen, an einmal akzeptierten Systemen von Vorstellungen festzuhalten.
Die Ähnlichkeit zwischen den Zuständen des Schlafens und des Todes führt zu der angenommenen Parallelität von Träumen und einer fortwährenden Existenz der menschlichen Wahrnehmung oder der „Seele“ nach dem Tode und damit einem spirituellen Jenseits.
Obige erste Feststellung führt dazu, besondere Phänomene durch dahinterliegende Kräfte zu erklären, denen also eine Realität zugeordnet werden muß.
Die Fähigkeit, mentale Vorstellungen im Rahmen des Denkens auf- und auszubauen läßt schwache Wahrnehmungen, wie etwa einen Windhauch, Schatten oder Lichteffekte, zu Vorstellungen von Geisterwesen werden. Eine Weiterverfolgung dieser Vorstellungen führt zu beliebigen Vorstellungen von Göttern, wie sie in den einfachen Religionen verschiedener Kulturen vorkommen. Ein zunehmend philosophisches Denken und die weiteren Beobachtungen des Lebens und der Natur führen zu höheren Religionen, die dennoch eine virtuelle Realität bleiben.
Somit kann Religiosität in allen menschlichen Kulturen erwartet werden. Die Religiosität entsteht also nicht selber natürlich als solche, sondern fast notwendigerweise als Folge der Vorstellungsfähigkeit des menschlichen Denkens als virtuelle Realität im Geist der Menschen.
Wenn eine religiöse virtuelle Realität einmal eine gewisse innere Geschlossenheit gefunden und Teil einer kulturellen Tradition geworden ist, bringen selbst zunehmende Widersprüche zur echten Realität zunächst keine Änderungen der religiösen Vorstellungen oder philosophischen Lehre.
Das mag an einer Abwehr von Verunsicherung gelten, zumal widersprüchliche Erkenntnisse zunächst noch kein neues, in sich geschlossenes Denksystem anbieten mögen. Die Verteidigung der gewohnten Religion oder des gewohnten Denksystems geschieht vor allem durch selektive Beobachtung oder Entwicklung von persönlichen Vorzügen und Prioritäten. So findet jede Religion genügend Beobachtungen, die ihre weitere Berechtigung bestätigen und der Einzelne bestimmt, was er für das Wichtigste Argument hält.
Dazu mag kommen, daß die Verwalter dieser Religionen, die Priester, sich nicht um ihre Positionen und das einfache Volk sich nicht um seine lieb gewonnenen Traditionen bringen lassen wollen, die ihnen Geborgenheit geben, im Falle des Christentums sogar eine viel bessere Welt im Jenseits erhoffen lassen.
So leben viele Menschen in zwei Welten, der religiösen und der realen – sonntags in der Kirche, montags im Geschäft oder im wissenschaftlichen Labor.
Das religiöse Denken der
Menschen hat schon einmal einen großen Schritt der Abstraktion durchgemacht, als
die animistische Vielgötterei von dem Glauben an nur einen Gott im Himmel
abgelöst wurde. Die stillen
Quellen in der Natur hatten dann keine Nymphen mehr, das wilde Meer keinen die
Wogen beherrschenden Poseidon, die Sonne war kein Gott-gesteuerter Himmelswagen
mehr. Wie war es möglich, daß alle
diese Gottheiten erst so ganz da waren und mit einem Male niemals existiert
haben sollten? Der vielfache
christliche Heiligen- und Marienkult mit zahlreichen Kapellen und Ablaß
erteilenden Pilgerplätzen war ein Ersatz, der den Menschen gut tat.
Nun ergibt sich die
Notwendigkeit zu einem weiteren Schritt – zu einer Theologie, die nicht nur das menschliche Leben
erklärt und die Welt in den Maßstäben des Menschen sieht (worauf sich die
christliche Theologie konzentriert), sonder zu einer Theologie, die die Größe
und auch die Dynamik des Weltraums einbezieht, die das Entstehen und auch das
Vergehen von vielen Milliarden von Galaxien erkennt und die den Menschen an
seinen Platz darin stellt. Das führt zu
einer weiteren Abstraktion der Sicht der transzendentalen Schöpfungskraft und
unserer Existenz, damit aber auch zum schwerwiegenden Verlust des Glaubens an
einen sehr vermenschlichten, „persönlichen“ Gott-„Vater“, der Hand in Hand mit
uns durchs Leben geht.
Dabei sollte man aber
nicht leichtfertig die all-zu-menschlichen Vorstellung denen hier auf Erden
nehmen, die darin einen ganz wesentlichen Trost und letzten Halt in ihrem oft
so schwerem Leben finden. Denn wohin
sollen wir uns dann nach tragischen Schicksalsschlägen oder im sorgenden
Mitleid wenden? Einiges am
Christentum gehört zu den gefühlsmäßig am tiefsten bewegenden, hilfreichsten
und herausfordernden Vorstellungen der menschlichen Entwicklung in Denken und
Empfinden – aus dem Potential unserer Natur entstehend, das uns von der
Schöpfung gegeben wurde – und uns eine Richtung für unser reales Leben weisend.
Andererseits sollten man
gerne alle Mißbräuche der Religionen los werden, die eine Last für die
Menschheit im Lauf der Geschichte waren und selbst in unseren Zeiten noch sind.
Wir brauchen eigentlich
vier Ebenen des menschlichen Glaubens:
o
den alten Opfer- und Dank-Kult
an die Kräfte der Natur und des Schicksals – für die naturnahen, geistig einfachen
Menschen,
o
den strengen Glauben an
moralische Gesetze und ein göttliches Gericht – für unsere urban-werdende
Gesellschaft wie sie sich Besitz, Macht und Genuß zuwendet,
o
den Glauben an menschlich
anrufbare Schicksalskräfte, an Vergebung, Liebe und an einen gnädigen
„Gott-Vater“ – für alle im Leben ringenden, suchenden und oft so sehr leidenden
oder mitleidenden Menschen, auch für die sich dankbar freuenden,
o
die abstrakte Sicht des
großartigen, dynamischen Universums und der Besonderheit der bewußt denkenden,
empfindenden und handelnden Lebewesen darin – mit der Notwendigkeit des sich verantwortungsvollen
Abmühens im Leben, der Möglichkeit der eigene Entfaltung und dem Dienst an
Anderen, mit der Verantwortung für die uns jeweils anvertraute Umwelt, in
Freude am Anblick der Schöpfung und in Annahme des Unvermeidlichen.
Jede dieser
Glaubensformen ist von einer persönlichen, individuellen Beobachtung der
Schöpfung und des menschlichen Lebens her gerechtfertigt.
*
Die einfachen Religionen
beruhen auf einer naturnahen, göttlich durchdrungenen Sicht der Schöpfung – wie
in den alten Religionen aller Bauernvölker, die um Ernte bitten – abgesehen von
den Entartungen einiger Opfer- und Ritualkulte, die sich historisch daraus
entwickelten. Die moderne, romantische
Liebe für eine harmonische Natur als Wurzel unseres Seins und das Verlangen,
darin Frieden zu finden, beruht auf einem natürlichen, menschlichen Verlangen
und selektiver Beobachtung.
*
Die sich auf Gesetze
konzentrierenden Religionen werden gerechtfertigt durch das Verlangen nach
einer höheren Verankerung dieser Gesetzte jenseits willkürlicher Änderung und
Auslegung in unserer egoistischen und materialistischen, urbanen Gesellschaft –
wenn nicht zu einer Besessenheit für die strenge Befolgung marginaler Gesetze
gesteigert.
*
Der Glaube an einen Gott-Vater entspricht
unseren von der Natur gegebenen Emotionen und unseren Werten, die in der
Schöpfungskraft ihren Ursprung, ihre lebendige Resonanz und emotional eine persönliche
Schicksalshilfe suchen – wenn nicht in eine Fixierung auf menschliche Schuld
und doktrinär-hierarchische Lähmung historisch daraus gesteigert.
*
Die abstrakte Sicht entspricht
der Sicht eines transzendentalen Grundes der entstehenden, sich entfaltenden
und wieder vergehenden Schöpfung, ihrer Eigengesetzlichkeit und ihrer Freiheitsgrade,
sowie der Erkenntnis der Begrenztheit des Menschen, aber auch seiner einzigartigen
Möglichkeiten und Verantwortlichkeit in der Erfüllung seines Lebens und der aktiven
Teilnahme an seiner Umwelt – wenn nicht in einer moralischen Haltlosigkeit und
seelischen Leere entartend.
Letztlich sollte es
keine Differenzen zwischen der Sicht der Wissenschaften und jener der Religion
oder Theologie geben.
Die Wissenschaft kann
keine dominierende Position innehaben, wo es an sachlichem Wissen fehlt. Die Wissenschaft ist wohlberaten, Fragen der
menschlichen Emotionen oder Empfindsamkeit für Schönheit nicht zu stark zu
intellektualisieren. Die Reduzierung der
menschlichen Emotionen und Empfindsamkeit für Schönheit auf
Nützlichkeitsbetrachtungen muß offensichtlich Grenzen finden, wie bei Versuchen
mit exklusiv derartigen, ungezügelten Betrachtungen erwiesen. Ihre Reduktion auf das Niveau
wissenschaftlicher Verständlichkeit ist erst recht nicht gleich eine
Rechtfertigung für preskriptive Formulierungen.
Die Theologie kann keine
dominierende Position innehaben, wo es an Wissen fehlt. Theologisches und religiöses Denken sind
wohlberaten, diejenigen Dinge nicht zu sehr zu mystifizieren, die rational
erklärt werden können. Es gibt
offensichtliche Grenzen bei der Einnahme strenger und unflexibler Positionen oder
bei Erlaß von Verhaltensvorschriften auf der Basis des Glaubens, wie aus der
Erfahrung mit der exklusiven, ungebremsten Art dieses Vorgehens historisch zu
sehen. Das Erheben spezifischer
religiöser Gedanken auf die Ebene eines angenommenen göttlichen Willens durch
einige Gläubige ist keine Rechtfertigung, daraus eine global gelten sollende
Doktrin zu entwickeln.
Es wird immer zwischen
wissenschaftlichem Suchen oder methodischer Eingrenzung und theologischem
Spekulieren oder religiösem Eifer genügend Raum für Differenzen geben. Behutsame Zurückhaltung in Gebieten des
Widerspruchs und bescheiden vorgebrachte Erwartungen können die Grundlage eines
Dialogs sein.
Dann gibt es auch noch
das Gebiet des politischen Denkens, der Gesetzgebung, des Verhaltens und der
Schlichtung – wie bei Beurteilung der Rechte des Einzelnen, der Gesellschaft
und der Nationen gegeneinander – wo weder Wissenschaft noch Religion versuchen
sollten, die dominierende Kraft zu sein – wo bestenfalls einfaches ethisches
Denken und praktische Erfahrung Vorschläge zur Lösung bringen können.
[1] Die
Verarbeitung von mentalen Vorstellungen geschieht etwa auch im Geist eines
technischen Konstrukteurs während er ein neues Produkt entwirft. Die meisten Menschen können sofort Bilder von
Gegenständen, Personen oder Situationen malen, die sie beschrieben bekommen
haben. Eine lebensnahere Entwicklung von
Vorstellungen findet man bei Schriftstellern von Romanen. Solch Schriftsteller merken oft, wie die
Personen, die in ihren Romanen vorkommen, fast ein „Eigenleben“
entwickeln. Solche Personen können dann
ihre eigene Persönlichkeit entwickeln, durch mancherlei Erfahrungen in ihrem
doch nur erdachten Leben gehen und Entscheidungen fällen, die zu entsprechenden
Konsequenzen führen.
Es ist nicht unüblich, daß Menschen – und
nicht nur Kinder – schließlich an Geschichten glauben, die sie selbst erdacht
(sich „vorgestellt“) haben, wenn ihre Vorstellungen besonders intensiv oder die
Geschichten sehr bedeutend für sie waren oder nachdem sie diese oft genug
erzählt oder gehört haben. Das kann bei
allen historischen Religionen oder Ideologien so beobachtet werden, selbst in
unseren Zeiten, etwa bei politischen Systemen mit übertriebenem
Persönlichkeitskult ihrer Anführer.